Das Einstecktuch wird zum Must-have

Vom Klassiker zum Fashion-Statement


Gepunktet, gestreift, geblümt oder unifarben – auf vielen Sakkos geht es derzeit ziemlich wild zu. Zumindest im Kleinen, nämlich dort, wo bisher gähnende Leere herrschte: in der Brusttasche. Wir erklären das Trend-Phänomen namens Einstecktuch und geben Stiltipps.

Einst blieb die Brusttasche der meisten Männer leer. Von formellen Anlässen, bei denen es wenigstens zaghaft weiß daraus hervorleuchtete, einmal abgesehen. Jetzt erlebt „la Pochette“ ein globales Revival. Recht so! Shootingstar-Model Sam Wines () aus Melbourne trägt sie in allen Varianten, Kenneth Chorengel (), Gründer des Gentlemen’s Club Bremen, auch – und Brian Lehang () lässt sich ohnehin selten „oben ohne“ für einen Streetstyle ablichten. Seine virtuosen Farbkombinationen gelten als preisverdächtig.

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Diese kleine Liste mehr oder minder prominenter Instagram-Herren mit außerordentlichem Modegeschmack, die das gewisse Extra in der Brusttasche tragen, lässt sich beliebig ergänzen. Zum Beispiel um Justus F. Hansen () aus Mainz, der die Jeansjacke mit Einstecktuch adelt. Um den New Yorker Makler Christopher Korey (), der zum Streetstyle mit Tuch gleich noch Lebensweisheiten serviert. Und um Marco Cartasegna (), der uns im Sommer den Lifestyle Portofinos und Venedigs modisch näherbrachte.

Fazit: Das Einstecktuch in allen Formen, Farben und Mustern erlebt gerade eine wahre Renaissance und wird heute weltweit so spielerisch getragen wie vielleicht noch nie in seiner Geschichte. Die begann im Biedermeier, so etwa um 1830, als man das Einstecktuch in farbenfrohen Varianten zu Reitbekleidung kombinierte. Der französische Name „Pochette“ bedeutet in etwa „kleine Tasche“. Der Klassiker war aus Seide oder Leinen und gehörte eben genau dort hin: in die kleine Tasche auf der Sakkofront. Quadratisch gefaltet, als Dreieck, in der lässigen Bauschfaltung oder für Heiratskandidaten in der Kronenfaltung mit herausschauenden Spitzen.

In den nicht-berittenen Business-Alltag schlüpfte das Tüchlein rund 30 Jahre später: als Zier- und in der Not auch Schnupftuch. In den 1930er-Jahren kamen die ach so praktischen Sets aus Krawatte und Einstecktuch auf, gelegentlich gleich noch mit Hosenträgern als Rundum-sorglos-Modepaket. Echte Kenner stellen sich das freilich selbst zusammen – damals wie heute – oder verzichten gerade im Sommer ganz auf die Krawatte und werten ihr Outfit mit einem Einstecktuch mit spielerischer Seriosität auf.

Mit den rebellischen Sixties landete das Einstecktuch im Fundus, doch um die 2000er-Grenze herum kam es als cooles Accessoire vor allem der stilbewussten und experimentierfreudigen Neo-Dandys wieder zum Vorschein. Im Sakko zur Jeans, in der Jeansjacken-Tasche als Verbeugung vor den 80ern und 90ern, wie zufällig gestopft oder straff gefaltet. Der Spaß darf definitiv nicht zu kurz kommen!

Nach so viel anything goes und neuer Energie für einen echten Garderobe-Klassiker bleibt natürlich die Frage, warum Einstecktücher gerade jetzt zum Outfit-Hit werden. Und wie man(n) die übelsten Fehler beim Tragen und Kombinieren vermeidet. Das alles und noch viel mehr wollten wir von Autor und Gentleman-Experte Bernhard Roetzel wissen, der sich in zahlreichen viel gelobten Standardwerken mit dem Inhalt unserer Kleiderschränke beschäftigt hat. Zuletzt erschienen erschienen ist der „Der Gentleman nach Maß“.

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Foto: Das Foto zeigt Bernhard Roetzel bei einem Vortrag in der Elsbach Denim Library in Frankfurt am Main im Oktober 2016

Bernhard Roetzel, glaubt man Instagram, dann erlebt neben der Fliege vor allem das Einstecktuch gerade ein kreatives Revival. Haben Sie eine Theorie, warum jetzt?
Man könnte es als logischen Schritt bezeichnen. Zuerst wurde die Krawatte vom neuen Dandy wiederentdeckt, dann die Schleife, jetzt das Einstecktuch. Das Einstecktuch ist aber auch als Ersatz für den Binder wichtig. Immer mehr Männer lassen im Sommer die Krawatte weg, merken aber, dass ein Schmuckelement fehlt. Und genau diese Lücke füllt das Stecktuch.

Was zeichnet es als wahre „Wunderwaffe“ im modischen Repertoire eines Mannes aus?
Das Einstecktuch gibt dem Outfit mit Krawatte den entscheidenden und unterscheidenden Akzent. Und es adelt Sakko oder Blazer, wenn sie ohne Binder getragen werden. Das Einstecktuch eröffnet ganz viele neue Möglichkeiten, die Farbe auf dem Outfit zu verteilen. Rote Strümpfe und rotes Einstecktuch – das ist viel besser als nur rote Strümpfe.

Gibt es Altersgrenzen nach oben oder unten?
Das Einstecktuch ist beim jungen Mann genauso angebracht wie beim Silberhaar. Jüngere Herren beweisen damit Weltläufigkeit, ältere bauen ein modisches Augenzwinkern in ihr Outfit ein.

Was sind die drei übelsten Fehler beim Tragen, bei der Farb- und Musterwahl sowie dem In-die-Reverstasche-Stopfen?
1. Das Einstecktuch darf nicht steif oder gekünstelt wirken – nach dem Motto: Ich habe eine halbe Stunde gebraucht, um die drei Spitzen hinzukriegen, bitte nicht anfassen! 2. Ich empfinde es als Ausdruck von Ideenarmut, wenn Einstecktuch und Krawatte aus der gleichen Seide genäht wurden. Eleganter ist es, wenn im Einstecktuch die Farben der Krawatte in anderer Form auftauchen. 3. Im Businessbereich rate ich von allzu üppig aus der Tasche quellenden Stoffmassen aber ab, weil sie die Gesprächspartner von unserem Gesicht ablenken. Weniger ist mehr!

Wann sollte man(n) kein Einstecktuch tragen?
Es gibt keinen Anlass, bei dem ein Einstecktuch unzulässig oder unpassend wäre. Wann immer ich ein Jackett oder einen Anzug mit Brusttasche trage, ist das Eintecktuch tragbar. Allerdings wäre es ein Fauxpas, bei einer Beerdigung ein buntes Einstecktuch zu tragen.

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