Lacrosse


Die schnellste Sportart auf zwei Beinen



Hochgeschwindigkeit ist hier Normalzustand: Alle Wurf-, Lauf- und Schlagtechniken müssen in wahnwitzigem Tempo ausgeführt werden. Trotzdem – oder gerade deshalb – wird Lacrosse auch außerhalb elitärer US-Privatschulen immer beliebter.

Spielt hart. Spielt smart. Spielt zusammen.

Auf den ersten Blick wirkt Lacrosse wie eine Variante des Polo, nur eben ohne Pferde: Der Mannschaftssport findet auf dem Rasen statt, die Spieler jagen einen kleinen Ball mit Schlägern übers Feld. Und einen Ruf als Freizeitspaß der High Society beziehungsweise von deren Nachwuchs hat Lacrosse ebenfalls weg.

Lacrosse ist eine Familie, es ist wie eine Lebensweise.

Die weite Verbreitung von Lacrosse begann dagegen erst deutlich später, als sich Einwanderer für den Sport zu interessieren begannen. Der erste Verein wurde 1856 in Montreal gegründet, kurz darauf wurde Lacrosse zu Kanadas Nationalsport. Auch Königin Victoria zeigte sich begeistert: „Das Spiel ist sehr hübsch anzusehen.“ In der Neuen Welt bildeten sich erste organisierte Clubs, auch in englischen und schottischen Mädcheninternaten war Lacrosse beliebt, und 1904 wurde es sogar zur Olympischen Disziplin geadelt – allerdings nur zweimal als solche ausgetragen.

Danach verschwand der Trend so plötzlich, wie er gekommen war. Nur an einigen Privatschulen der USA blieb das Spiel noch präsent, so wie Tennis, Hockey und Fechten – daher der Ruf als Vergnügen der oberen Zehntausend und ihrer Sprösslinge. Doch wie es mit Trends so ist, kaum sind sie in die ewigen Jagdgründe eingegangen, kehren sie auch schon zurück. So auch Lacrosse: Ab den 1980ern entdeckte ganz Nordamerika seinen „native sport“ wieder.

Vom mystischen Baggataway bis heute wurden die Regeln natürlich verfeinert, derzeit gibt es etliche Unterschiede zwischen der Damen- und Herrenvariante sowie zwischen Box Lacrosse (in einer Halle) und Field Lacrosse (auf dem Rasen). Dazu gehört etwa die Frage, wie viel Körperkontakt erlaubt ist. Und auch die Mannschaftsgröße variiert: Bei den Männern sind es zehn Spieler, bei den Frauen zwölf.

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Tore im Lacrosse gelingen nicht mit körperlicher Kraft, sondern mit Ausdauer.

Das Ziel jedoch ist immer gleich: Der Ball wird mit dem „Stick“ (so wird der Schläger mit dem Netzkopf genannt) hin und her geworfen oder übers Spielfeld getragen, um ihn schließlich ins gegnerische Tor zu schleudern. Die gegnerische Mannschaft versucht währenddessen, entweder einen Pass abzufangen oder den Ball aus einem der Sticks herauszuschlagen. Genau wie beim Fußball gibt es auch hier verschiedene Positionen: Angreifer, Verteidiger, Mittelfeldspieler und den Torwart. Alle Akteure tragen einen Helm und Handschuhe, Arm- sowie Schulterpolster und natürlich den Stick. Dieser ist aufgebaut aus dem Scoop, also dem äußersten Ende, das mit dem Boden in Berührung kommt, der Sidewall genannten Seite des Fang- und Wurfkopfes sowie dem Netz (Pocket). Der Griff war früher stets aus Holz, mittlerweile sind Aluminium, Titan und diverse Legierungen üblich.

Bei Lacrosse läufst du die ganze Zeit, wenn du nicht gerade sprintest.

Heute versuchen sich weltweit über 250.000 Menschen am „kleinen Bruder des Krieges“, zudem wird das Spiel an 600 Colleges und 2.000 Schulen unterrichtet. Ein Ende des Erfolgs ist noch lange nicht in Sicht, denn in den USA hat keine Sportart momentan so großen Zuwachs wie Lacrosse. Nicht nur an Colleges und Universitäten, sondern auch in zwei Profi-Ligen wird gewetteifert: der Major League Lacrosse (MLL) und der National League Lacrosse (NLL). Während bei der MLL neun US-amerikanische Teams auf dem Outdoor-Feld gegeneinander antreten, sind in der NLL zehn Mannschaften aus den USA sowie drei aus Kanada vertreten. Gespielt wird dabei in einer Halle. Die gute Nachricht für alle Fans: Da die MLL im Sommer, die NLL dagegen im Winter stattfindet, ist das ganze Jahr über für Action gesorgt.

Lacrosse ist ein Sport der Zukunft. Und es ist definitiv der Sport des Jetzt.

Die Dominanz der USA setzt sich international fort, niemand war öfter Weltmeister als die Nordamerikaner. Aber die deutschen Nationalteams schlagen sich – beziehungsweise den Ball – nicht schlecht: 2001 wurden sie Europameister, weitere zweite und dritte Plätze bei einer EM folgten und bei der WM 2014 in Denver erreichten sie Platz 9. Ganz ohne Unterstützung aus den USA geht es jedoch nicht: Der aktuelle deutsche Meister aus Hamburg wird beispielsweise kontinuierlich von amerikanischen Coaches trainiert. Die tapfere Herrentruppe aus Harvestehude nennt sich übrigens „Hamburg Warriors“. Scheint ganz so, als ob der ursprüngliche Kampfgeist der Native Americans auch im hohen Norden noch über dem Spielfeld schwebt.

Die Popularität von Football und Baseball erreicht der Sport natürlich noch nicht. Man kann sich das so vorstellen: Während Football-Spieler und Baseball-Asse in den USA als Götter verehrt werden, sind Lacrosse-Stars wie Rob Pannell () von den New York Lizards eher Halbgötter. Kein Grund für schlechte Laune: Auch Sagenheld Herkules war „nur“ ein Halbgott.

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Foto: Haslam Photography/Shutterstock.com